Tradition als Haltung

Gewidmet den Frauen der Mursi

Lesezeit: 5 Minuten

Was bleibt, wenn Schmuck nicht Dekoration, sondern Haltung ist? Was verleiht einem Leben Kraft, wenn Besitz keine Rolle spielt? Im Omo-Tal im Süden Äthiopiens begegnen wir Frauen, deren Tradition nicht im Haben, sondern im Sein gründet. Ihre Praxis, Platten in die Unterlippe einzusetzen, mag Außenstehenden fremd erscheinen – und erzählt doch von Stärke, Zugehörigkeit und der bewussten Gestaltung des eigenen Lebens.

Dr. Franziska Feichter
am 18. September 2025

Was bleibt, wenn Schmuck nicht Dekoration, sondern Haltung ist? Was verleiht einem Leben Kraft, wenn Besitz keine Rolle spielt? Im Omo-Tal im Süden Äthiopiens begegnen wir Frauen, deren Tradition nicht im Haben, sondern im Sein gründet. Ihre Praxis, Platten in die Unterlippe einzusetzen, mag Außenstehenden fremd erscheinen – und erzählt doch von Stärke, Zugehörigkeit und der bewussten Gestaltung des eigenen Lebens.

Die Mursi-Frauen beginnen im Jugendalter, ihre Unterlippen zu dehnen. Aus einem kleinen Schnitt entsteht über Monate und Jahre eine Öffnung, die Platz für eine Platte schafft – manchmal bis zu 20 Zentimeter im Durchmesser. Meist aus Ton oder Holz gefertigt, oft kunstvoll verziert, ist jeder Teller ein Unikat: ein Werk, das Kreativität und Identität zugleich trägt.

Lange beschrieben Anthropologinnen und Anthropologen die Praxis als Schönheitsideal. Doch ihre Bedeutung reicht tiefer. Die Lippenteller markieren Übergänge im Leben, signalisieren Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und zeugen von der Disziplin, die es braucht, diesen Weg zu gehen.

Für uns mag der Prozess schmerzhaft wirken – für die Frauen selbst ist er ein Schritt ins Erwachsenwerden, ein Symbol von Eigenständigkeit.

Die Mursi im Omo-Tal

Die Mursi sind ein halbnomadisches Volk mit rund 10.000 Angehörigen, das im Süden Äthiopiens lebt – im Omo-Tal, nahe der Grenze zum Sudan. Ihr Alltag ist geprägt von Viehzucht, Feldbau und Tauschhandel. Sie sprechen Mursi, eine Sprache der surmischen Sprachfamilie.

Bekannt wurden die Mursi-Frauen durch ihre Lippenteller. Doch diese sind nur ein Aspekt einer vielschichtigen Kultur, die Rituale, Musik, Erzähltraditionen und klare soziale Strukturen umfasst. Heute verändert sich das Leben der Mursi zunehmend – durch Tourismus, moderne Einflüsse und Konflikte um Landnutzung.

Copyright by Matyas Rehak / Alamy Stock Photo

Aus psychologischer Sicht sind Rituale dieser Art weit mehr als kulturelle Folklore. Sie sind Strukturen, mit denen Gemeinschaften Identität und Zusammenhalt stiften. Der Weg der Dehnung verlangt Geduld, Ausdauer, Schmerzbewältigung – Erfahrungen, die Resilienz formen. Resilienz meint jene innere Stärke, die es erlaubt, Schwierigkeiten nicht nur zu ertragen, sondern in ihnen Sinn zu entdecken.

So wie wir in unseren Kontexten Prüfungen, Übergangsrituale oder sportliche Herausforderungen bestehen, prägen die Mursi-Frauen ihre Identität durch diesen Prozess. Die Lippenteller werden so zu Symbolen dessen, was die Psychologie Salutogenese nennt:

die Fähigkeit, Lebenskraft aus Kohärenz zu schöpfen – aus dem Gefühl, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll bleibt.

Kunst der Tradition: Tonteller, getragen mit Stolz. | Foto: © John Dambik / Alamy Stock Photo

Was macht Schönheit aus?

Aristoteles sprach vom kalon – dem Schönen, das innere Ordnung sichtbar macht. Genau das geschieht hier: Die Lippenteller der Mursi sind kein Schmuck, sondern ein Symbol. Sie stehen für Haltung, Disziplin, Zugehörigkeit. Schönheit nicht als Oberfläche – sondern als Ausdruck von Identität. Was uns fremd erscheint, ist keine Provokation. Es ist eine andere Ordnung. Eine, die unsere Maßstäbe herausfordert – und uns einlädt, eigene Vorstellungen von Stärke, Würde und Ästhetik zu hinterfragen.

Die Frauen der Mursi leben weit entfernt von Luxus. Doch inmitten härtester Bedingungen bewahren sie ein Ritual, das mehr erzählt als jeder Schönheitsstandard: Schönheit entsteht dort, wo Haltung sichtbar wird. Vielleicht ist das die stärkste Botschaft: Wahre Eleganz liegt nicht im Blick der anderen, sondern in der Konsequenz, mit der wir uns selbst treu bleiben.

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